Das preußische Lager
auf der Lockstedter Heide 1865



General Karl Erhardt Herwarth von Bittenfeld wurde am 29.11.1864 Kommandierender General der künftigen preußischen Besatzungstruppen.

Am 27.Februar 1865 wurde durch die Klosterhofmeisterei im Hause des Gastwirts Riefe, in der Feldschmiede in Itzehoe, der Transport der auf der Meezener Feldmark lagernden und zum Bau der so genannten Lockstedter Brücke (bei Springhoe) in der Itzehoe-Kieler Nebenlandstraße bestimmten Felsen, an die Baustelle bei der Lockstedter Brücke in öffentlicher Vergabe, verdungen.

Ende Mai 1865 ward in Hennstedt die Reparatur der Straße von Itzehoe nach Kiel über Lockstedt in öffentlicher Verhandlung vergeben. Gefordert waren für die Arbeit im 1.Holsteinischen Wegebezirk mehr als 59 Kubikfaden Gran (Schotter) und 25 Kubikfaden grober Kies.

General von Bittenfeld inspiziert nach und nach die preußischen Besatzungstruppen in Holstein. Am 30.05.1865 mustert er in Itzehoe die Windischgrätzer Dragoner und die Khevenbüller Infanterie und ließ sie auf dem Exerzierplatz bei Schlotfeld kriegsmäßig exerzieren.

Die Preußische Combinirte Infanteriedivision wollte in diesem Jahr, in der zweiten Jahreshälfte, in Holstein ein großes Manöver aus einem stehenden Zeltlager heraus durchführen. Der Lagerplatz für die im August geplanten Manöver war vom Generalstab der in Altona stationierten Preußischen Combinirten Infanteriedivision ausgewählt worden. Er stützte sich bei der Wahl auf die positiven Erfahrungen aus dem Jahre 1846, als das Holstein-Lauenburgische Kontingent hier seine Übungen abhielt. Daneben zählte auch, daß das Gebiet wirtschaftlich wenig genutzt wurde, außerdem dienten Teile der Heide häufig den in Itzehoe stationierten Einheiten zum Exerzieren.

Erste konkrete Hinweise auf ein geplantes Lager gingen auf Äußerungen von Offizieren zurück, die von diesen in Rendsburg am 16.Mai im dortigen Offizierskasino gemacht wurden. Aufgrund der hier öffentlich gemachten Absicht wurde Anfang Juni der gesamten Öffentlichkeit in Holstein bekanntgemacht, daß das preußische Kriegsministerium beabsichtige auf der Lockstedter Heide ein stehendes Zeltlager zu erproben.

"Eingetroffener Ordre zufolge werden die Kaiserl. österreichischen und Königl. preußischen Besatzungstruppen am 1.August bei Itzehoe auf der Lockstedter Haide ein Zeltlager beziehen. Die von allen Regimentern zum Errichten designirten Mannschaften werden bereits Mitte Juli dorthin abrücken. Die Truppen werden bis zum 5.September im Lager concentrirt bleiben."

Neben den Ausschreibungen für die Versorgung der Truppen mit Verpflegung und "Bivouakbedürfnissen" während der Lagerzeit unter den bereits in der militärischen Versorgungskette etablierten Firmen, wurde eine andere landesweite Ausschreibung in den Zeitungen veröffentlicht, welche die Versorgung der Truppe mit Marketenderware betraf. So erschien die Bekanntmachung des Generalleutnants und Divisionskommandeurs, Freiherr von Cannstein vom 01.07.1865

"Diejenigen, welche während des Manövers der Preußischen Truppen vom 01.August im Lager auf der Lockstedter Haide (bei Kellinghusen) Speis, Wein- oder Bierwirthschaften einzurichten geneigt sind, werden aufgefordert, sich behufs Erlangung der dazu nöthigen Concession an das Commando der Königl. Preußischen combinirten Infanteriedivision zu Altona schriftlich zu wenden. Den Gesuchen sind Zeugnisse von der Obrigkeit über die Zuverlässigkeit der Petenten und darüber ob sie im Besitz der nöthigen Mittel sind, beizufügen."


Amtmann E.C.v.Harbou aus Rendsburg und seine Mitarbeiter hatten als Verwaltungsfachleute den Auftrag erhalten, während der Dauer der Truppenversammlung, die in ihrem Amtsbereich vom 01.August bis 03.September durchgeführt wurde, für die Versorgung der Truppe, zirka 9.200 Mann Infanterie und ungefähr 1.250 Pferde, zu sorgen und die Verbindung zwischen Zivil- und Militärbehörden aufrecht zu halten. Die (Truppen)Verwaltung nahm später Quartier in Kellinghusen. Herr v.Harbou hatte vor Übungsbeginn einige Probleme zu lösen. Das erste war, er mußte die Bauern des Gebietes davon zu überzeugen, daß sie für die Truppe Dienstleistungen erbringen mußten, gerade zu einer Zeit, in der sie selbst am meisten auf ihre Fuhrwerke angewiesen waren. Weil letztendlich keine Einigkeit erzielt werden konnte, vergab v.Harbou den Transport der Nachschubgüter für die Zeit vom 01.August bis 29.August an Fuhrunternehmer. Vom 30.August bis 02.September mußten die Bauern die Fuhrdienste leisten. Die zweite Schwierigkeit, die er überwinden mußte, war die Beschaffung des notwendigen Pferdefutters und noch schwieriger, die Beschaffung des nötigen Strohs. Im Sommer hatte Hagelschlag und starker Regen große Teile der Getreideernte verwüstet und als Folge davon gab es in der Region nur kleinere Mengen Heu und Stroh, die zum Verkauf standen. Die von den Maßnahmen betroffenen Ortschaften waren unmißverständlich über die ihnen auferlegten Liefermengen informiert worden. Weiterhin wurden den Dörfern Einquartierungen angekündigt. Bis Mitte Juni wurden Handwerkerabteilungen in den Ortschaften, die dem Lagerplatz am nächsten lagen, einquartiert. Die Handwerker bereiteten das Lager vor, errichteten die erforderlichen Kochherde und Speiseanstalten, Brunnen und Latrinen sowie drei Brücken, bauten Hütten, Zelte und Ställe auf.

(Anmerkung: Für ein in Garnison liegendes Dragoner Regiment wurden monatlich folgende Mengen benötigt: für die Pferde 300 Tonnen (Raummaß) Hafer, 11.000 Kg Roggen- oder Haferstroh und 6.000 Kg Weizenstroh. Brot für die Soldaten 5.400 Kg. Der Amtmann E.C.v.Harbou wurde 1866 Amtmann des Amtes Steinburg und 1868 Landrat des neuen Kreises Steinburg.)

Anfang Juli traf in Itzehoe ein Kommando des in Berlin stationierten Garde-Train Bataillons, bestehend aus einem Unteroffizier und 5 Soldaten, ein. Sie hatten Material verschiedenster Art für das Lockstedter Lager in den von ihnen begleiteten Bahnwaggons. Dabei waren zirka 1.300 Zelte verschiedenster Art, für Generäle, Stabsoffiziere, Offiziere, Infanterie und Kavallerie, dazu das notwendige Zubehör für den Aufbau und die Ausstattung der Zelte.

Aufgrund der internen Ausschreibung war der wesentliche Teil der Versorgung an folgende Firmen vergeben: Wirthschaft aus Danzig, G.Brieger aus Kiel, Pepper aus Kiel, Wendt aus Preetz und Holst aus Friesach. Als Koordinator oder Geschäftsführer fungierte Herr G.Brieger.



Der Lagerplatz lag westlich von Kellinghusen. Im Norden begrenzt durch Springhoe, im Süden durch Neumühlen. Der Mühlenbach trennte den Lagerplatz in zwei Teile. Im westlichen Teil lagerte die Infanterie, im ostwärtigen Teil Kavallerie und Artillerie. Die Verbindung zwischen beiden Teilen war für Fußgänger durch drei Brücken im Lager und für Wagen und Pferde durch Brücken in Springhoe und Neumühlen sichergestellt. Zu Beginn des Lagers herrschten orkanartige Stürme vorwiegend aus West/Nordwest. Den Stürmen folgte eine Anzahl von Regentagen. Der Regen hatte aber aufgrund des sehr durchlässigen Untergrunds keine nachteilige Auswirkung auf die Vorhaben.

Das Lager wurde von den aufgeführten Übungstruppen bezogen.

Magdeburgisches Füsilier Regiment Nr.36
6.Ostpreußisches Infanterie Regiment Nr.43
8.Pommersches Infanterie Regiment Nr.61
2.Schlesisches Grenadier Regiment Nr.11
1.Rheinisches Infanterie Regiment Nr.25
4.Posensches Infanterie Regiment Nr.59
Rheinisches Dragoner Regiment Nr.5
Magdeburgisches Dragoner Regiment Nr.6
III.Fußabteilung Schlesisches Feldartillerie Regiment Nr.6

Als Besatzung von Rendsburg blieb das II.Bataillon des 4.Posenschen Infanterie Regiments Nr.59 und in Kiel das Füsilier Bataillon des 8.Pommerschen Infanterie Regiments zurück, während in den übrigen Garnisonen nur Handwerker und Soldaten zur Bewachung der "Montirungskammer und Handwerkstätten" zurück blieben.

Die Infanterie war mit 8.383 Mann und 153 Pferden, die Kavallerie mit 963 Mann und 984 Pferden, die Artillerie mit 292 Mann und 121 Pferden angerückt. Die Gesamtstärke der an der Übung teilnehmenden Truppen belief sich auf 394 Offiziere, 9.244 Unteroffiziere und Gemeine und 1.258 Pferde.



Für die Lagerzeit wurde eine Division mit drei Brigaden formiert. Die kombinierte Division wurde geführt von Generalleutnant v.Cannstein, er residierte mit dem Divisionsstab während der Lagerzeit in Lockstedt. Der Stab wurde geführt von Major von Dörnberg, dazu Hauptmann von Caprivi und als Pionier Premierleutnant Manthey von der Ingenieurcompanie. Generalmajor v.Fries, Kommandeur der Kavallerie, war mit seinem Stab auf dem Karlshof, Generalmajor v.Bentheim, Kommandeur der 1.Infanterie Brigade, mit Stab in Springhoe und Generalmajor v.Korth, Kommandeur der 2.Infanterie Brigade, mit Stab in Neumühlen. Ebenfalls in Springhoe war der Kommandeur der Garde Festungs Artillerie, Oberstleutnant v.Scheliha, mit seinem Stab unter­gebracht. Kommandant des Lagers war Generalmajor v.Bentheim, Platzmajor Premierleutnant Störmer vom Infanterie Regiment Nr.43

Im Lager war eine Feldpostverteilerstelle und eine Telegraphenstation errichtet worden. Verteilerstelle und Telegraph waren aus Kiel bzw. Rendsburg für die Dauer des Lagers abgezogen worden. Die Telegraphenverbindung war als Einzeldrahtverbindung für Wechselbetrieb aufgebaut und an das noch bestehende dänische Militärnetz angeschlossen.

Ein großer Teil der Truppe hatte beim Beziehen des Lagers einen weiten und beschwerlichen Marsch zurückgelegt.
  • Die Bataillone des Füsilier Regiment Nr.36 kamen aus den Standorten Neumünster, Segeberg und Oldesloe.
  • Das Infanterie Regiment Nr.43 aus Altona und Ratzeburg.
  • Das Infanterie Regiment Nr.61 aus Kiel und Eckernförde.
  • Das Grenadier Regiment Nr.11 aus Flensburg und Schleswig.
  • Das Infanterie Regiment Nr.25 aus Hadersleben, Apenrade und Augustenburg (auf Alsen).
  • Das Infanterie Regiment Nr.59 aus Rendsburg und Schleswig.
  • Das Rheinische Dragoner Regiment aus Schleswig und Flensburg.
  • Das Magdeburgische Dragoner Regiment aus Kiel, Preetz und Plön.
  • Die Artillerie aus Rendsburg und die Batterien der Garde Festungsartillerie aus Potsdam wo diese stationiert war.

Die entfernt stationierten Truppenteile rückten bereits am 25.Juli, die Flensburger Bataillone am 27.Juli aus den Standorten zum Manövergebiet ab.

Das Lager war nach den Vorschriften der Lagerung der Truppen im Frieden vom 20.Dezember 1842 eingerichtet und die darin vorgegebenen Abstände eingehalten.





Die Unterbringung der Truppen erfolgte in Zelten. Die Infanterie war in konischen Spitzzelten, die Artillerie und Kavallerie in so genannten Markisenzelten untergebracht. Die Infanteriezelte waren 3 m hoch und hatten einen Durchmesser von 5,50 m. Jedes Zelt war bestimmt für die Aufnahme von 15 Infanteristen mit Gepäck, jedoch ohne Gewehre, die außerhalb des Zeltes verwahrt wurden. Der Nachteil dieser erstmals genutzten Zelte war jedoch, daß der Stoff (Drillich) zu dicht gewebt war und bei geschlossenem Eingang und/oder regennassem Stoff fast kein Luftaustausch im Zelt stattfand. Die Markisenzelte waren 2 m hoch und am First 2,30 m lang. Die Länge am Boden 3,40 m, die Breite 2,20 m. Das Zelt war für die Aufnahme von 6 Kavalleristen oder Artilleristen bestimmt. Das Sattelzeug wurde neben den Pferden auf besonderen Ständern untergebracht, das Zaumzeug im Zelt verwahrt. Nachteil des Markisenzeltes - der First war zu niedrig und die Luftzufuhr war wie beim anderen Zelt unzureichend. In die Zelte war Stroh eingebracht, darauf wurden wollene Decken gelegt. Nach Vorschrift erhielt jeder Unteroffizier und Soldat 5 Kg Stroh, nach 5 Tagen noch einmal 2,5 Kg zum Auffrischen der Unterlage. Je zwei Mann hatten eine wollene Decke und ihren Mantel zum Zudecken. Stabsoffiziere und Hauptleute erhielten je ein Zelt für sich. Die Offiziere einer Kompanie lagen bei der Infanterie zu zweit oder zu dritt in einem Zelt. Bei der Kavallerie und Artillerie, wo die Belegung der Zelte mit drei Offizieren üblich war, war durch die unbeabsichtigte Mehrlieferung von Zelten diesmal jedes Offizierszelt nur einfach belegt. Jeder Arzt, (je Bataillon, Kavallerie Regiment und Artillerie Abteilung einer) hatte ein eigenes Zelt. Für die Einrichtung des Zeltes mußte jeder Offizier selbst sorgen. An Stroh erhielt der höhere Offizier 40 Kg, jeder Leutnant 10 Kg und zwei wollene Decken. Die Hälfte dieser Strohmenge wurde alle 5 Tage ausgetauscht. Außerdem wurden für die Offizierszelte Feldtische und Feldstühle geliefert. Die Lagerstraße war 33 m breit, die Feuerschneisen 4,80 m und der seitliche Abstand zwischen den Zelten betrug 2,20 m.

Mit Wasser versorgten sich die Soldaten generell aus dem Mühlenbach, trotzdem waren beim Aufbau des Lagers besondere Brunnen angelegt worden. Diese Brunnen bestanden aus perforierten Tonnen, die über 1.000 Liter Wasser faßten. Die Tonnen waren am Uferrand in die Erde eingegraben und mit Kies befüllt worden. Das durch die Öffnungen in der Tonne eindringende Wasser wurde so notdürftig gereinigt. Der Teich bei Springhoe wurde von der Kavallerie zum Tränken ihrer Pferde genutzt. Der Neumühler Teich war die militärische Badeanstalt. Jeder Soldat konnte einmal wöchentlich baden. Handtücher und Zahnbürste gehörten im Gegensatz zum französischen Heer, nicht zur Ausrüstung der Preußen.

Jeden Morgen wurden die Zelte gereinigt, Reste und Abfälle aus dem Zelt und von der Lagerstraße mit preußischer Gründlichkeit entfernt. Die Latrinen waren so angelegt, daß sie mehr als 100 m von den Brunnen entfernt lagen. Für die Latrinen waren Gruben von 2 m Tiefe ausgehoben, ein über der Grube angebrachter Baum diente als Sitz. Die Latrinen der Offiziere waren mit Brillen versehen. Als Sichtschutz war eine 2,50 m hohe Wand aus Strauchwerk aufgestellt. Jeden Tag wurde der "Unrat" mit einer Schicht Erde bedeckt. Besondere Pissoirs waren nicht errichtet, es fehlten auch Tonnen, die Nachts diesem Zweck hätten dienen können. Nur bei einem Regiment wurde über den üblen Geruch der Latrine geklagt. Durch Einstreuen von Eisenvitriol wurde das Problem etwas gemildert. Der anfallende Pferdemist war von Amtmann v.Harbou schon während der Vorbereitungen an einen Bauern mit der Vorgabe verkauft worden, daß er den Mist täglich abfahren müsse, so daß hier keine Geruchsbelästigung entstand.

Die Verpflegung der Soldaten war wie folgt geregelt. In den Herzogtümern war seit der Besetzung die Kriegsverpflegung beibehalten worden, die einzige Modifikation war, daß das Brot nach der Friedenszuteilung zugeteilt wurde. Während der Lagerzeit erhielt ein Soldat an sechs Tagen ein halbes Pfund Fleisch (Ochse, Schwein, Hammel), an einem Tag ein viertel Pfund Speck, dazu an Gemüsen Erbsen oder Bohnen und als weitere Beilage Reis oder Graupen. Ein Drittel der Portion wurde in Kartoffeln geliefert. Zwischen der Verpflegung der Infanteriebrigaden war der Unterschied, daß die 1.Infanteriebrigade (vorwiegend Sachsen, Ostpreußen, Pommern) sich die volle Portion geben ließen und von dieser Kartoffeln zum Abendessen aufhoben. Die 2.Infanteriebrigade (meist Rheinländer, Polen, Schlesier), sowie die Kavallerie und Artillerie (Sachsen, Rheinländer, Schlesier) erhielten an einigen Tagen ein Drittel ihrer Portion in Mehl für ihr Abendessen. Die Zutaten wurden in verzinkten Kupferkesseln, die in gemauerte Kochherde eingelassen waren, zu einer Suppe (pro Mann 1 Quart= 1,145 Liter) gekocht. Von diesen Kesseln waren in einer Kompanie vier kleine à 50 Quart und im Bataillon sechs große Kessel, 4 à 200 und 2 à 100 Quart. Jeder Soldat erhielt 1 Lot (zirka 16 Gramm) Kaffee. Alle vier Tage wurde ein Brot ausgegeben, das in der Glückstädter Kommißbrotbäckerei gebacken worden war. In Kellinghusen waren Veterinäre, welche die zum Schlachten bestimmten Tiere begutachteten und untersuchten und die Fleischbeschau an den geschlachteten Schweinen durchführten.

Essenzeiten: Kaffee vor dem Ausrücken, Mittagessen um 12:00 Uhr, Abendessen um 19:00 Uhr. Die Verpflegung war zum erstenmal kostenfrei.

Die Wäsche, ausgenommen die Drillichjacken, wurde von den Kompanie Marketendern oder Frauen aus der Gegend gewaschen.

Als Besonderheit des Lagers wären die vielen Marketender zu erwähnen. Es gab zwei Klassen. Die zur Truppe gehörenden Marketender und die von der Division konzessionierten. Zu jeder Kompanie oder Eskadron gehörte ein Marketender. Die "Kantiniers" bildeten mit ihren Buden eine eigene Straße, die zirka 40 m hinter den Kochherden des Regimentes lag. Während die Truppenmarketender im Lager wohnten, mußten die konzessionierten außerhalb des Lagers ihre Geschäfte aufbauen. Es gab vier Plätze an denen sie konzentriert waren, je ein Platz bei den Brigaden sowie Kavallerie und Artillerie. Es gab noch eine Besonderheit im Lager. An der Grenze der beiden Brigaden befand sich ein Marktplatz, auf dem mehrmals wöchentlich die Bauern der Gegend Milch, Butter und Eier anbieten konnten. Besonderes Augenmerk wurde darauf gelegt, daß auch reifes Obst im Sortiment war.



Außerhalb des eigentlichen Lagers gab es eine bedeutende Anzahl großer und kleiner Zelte, mit Restauration, Billard, Kegelbahn, Unterhaltungsmusik etc. Mehrere Marionettentheater trugen erheblich zur Erheiterung der Soldaten bei. Das Viktoria-Feldtheater des Herrn Witt, der mit seiner Truppe Oper und Lustspiel darbot und mit dessen Leistungen man allgemein sehr zufrieden war, konnte nicht die ganze Lagerzeit bleiben. Damit den Wirten nicht der Getränkevorrat ausging, hatte der Weinhändler L.Berghofer aus Itzehoe ein Außenlager eingerichtet, aus dessen großem Vorrat jedem Mangel sofort abgeholfen werden konnte. Die Prostitution bedurfte für ein Lager von vier Wochen keiner offiziellen Erledigung. Während der ganzen Lagerzeit wurden zwei kranke Frauen aufgegriffen und ins Lazarett nach Kellinghusen geschickt.

Am Sonntag, dem 06.August, war der erste Feldgottesdienst innerhalb der Lagergrenzen. Jede der beiden im Lager vertretenen Konfessionen hatte einen Militärgeistlichen mitgebracht. Für den Feldgottesdienst war jeder Glaubensgemeinschaft innerhalb des Lagers ein eigener Platz angewiesen worden, wo Altar und Kanzel aufgebaut wurden. Von einem Besucher des protestantischen Gottesdienstes ist bekannt, daß er gesagt haben soll, daß die heilige Handlung, wie auf ihn selbst, so auch gewiß auf jeden Anwesenden, einen erhebenden und feierlichen Eindruck gemacht hätte. Die durchdachte, den Zuhörern zu Herzen dringende ausgezeichnete Predigt, die schöne Musik und der präzise Männergesang wären geeignet gewesen, jeden Teilnehmer unendlich zu befriedigen.

Für die innere Ordnung sorgte der Platzmajor, der einige Gendarmen und die Wache unter seinem Befehl hatte. Abends um 21:00 Uhr wurde durch einen Kanonenschuß angezeigt, daß alle Zivilpersonen das Lager verlassen mußten. Dann hatten die Soldaten noch eine Stunde Zeit die Kantinen zu besuchen. Der Zapfenstreich wurde von Lagerbeginn an um 22:00 Uhr geblasen, danach hatte im Lager Ruhe zu herrschen, um 23:00 Uhr wurde das Licht gelöscht. Morgens bei Sonnenaufgang wurden die Soldaten durch einen Kanonenschuß aufgeschreckt, das Zeichen zum Wecken.

Über die äußere Ordnung im Bereich der Kantinen wachten die Gendarmen, die dem Amtmann E.C.v.Harbou zur Verfügung standen.

Am 08.August wurde Seine Königliche Hoheit Kronprinz von Preußen in Wrist am Bahnhof von einer Ehrengarde empfangen und zu seiner Unterkunft nach Kellinghusen begleitet. Der Kronprinz besichtigte mit Gefolge im Beisein von General Herwarth von Bittenfeld am 09.August das Lager und das Exerzieren der Kavallerie. Der Kronprinz verließ das Lager wieder am 10.August.

Der Übungsplan war wie folgt für die Manöverzeit festgesetzt.

  • 02. August Ruhetag
  • 03. bis einschließlich 14.August Infanterie und Kavallerie exerzieren im Regimentsrahmen.
  • 03. August bis 16.August Scheibenschießen und Exerzieren der Artillerie
  • 23. bis 25.August Felddienst und Vorpostendienst Übungen
  • 17. bis 21.August Brigadeexerzieren inklusive Artillerie
  • 26. bis 29.August Divisions-Exerzieren.


Die ab dem 30.August angesetzten Feldmanöver im Divisionsrahmen, unter denen auch der Rückmarsch begonnen werden sollte, wurde wegen der weiten Entfernungen, welche die Truppen zurückzulegen hatten und wegen des schlechten Wetters abgekürzt und schließlich aufgehoben. Die Sonntage in der Übungszeit waren Ruhetage. Andere Ruhetage konnte der Brigade- oder Regimentskommandeur befehlen. Im Lager fand am 18.August eine große Geburtstagsparade statt, wozu sich von auswärts massenhaft Besucher eingefunden hatten. Die Preußischen Generäle Herwarth v.Bittenfeld, v.Cannstein und v.Bentheim, dazu sechs Ordonanzoffiziere fuhren am 18.August, nach der Parade im Lager, zu einem Empfang nach Altona. Nachdem sie dort an dem zur Feier des Geburtstags des Kaisers von Österreich im Bürgerverein veranstalteten Diner teilgenommen hatten, übernachteten sie im Bahnhofshotel und reisten am 19.August wieder nach Lockstedt ab.





Anmerkung:
Das erste Artilleriescheibenschießen auf der Lockstedter Heide wurde im August 1865 durchgeführt. Die Feuerstellungen lagen in unterschiedlichen Geländeteilen. Als Beispiel ist nur eine Stellung in Beziehung zum Zielgebiet auf der Karte angegeben. Die Schußweite einer Sechspfünder Kanone war abhängig von der Rohrerhöhung. Bei 1° Erhöhung war die Schußweite zirka 480 m, bei 5° Rohrerhöhung wurden etwa 1.400 m erreicht. Das auf der Karte dargestellte Zielgebiet war das Waldstück "Rehmenhorst".
In dem vom Kampfmittelräumdienst Schleswig-Holstein untersuchten Gebiet wurden fast nur gußeiserne Vollgeschosse gefunden. Diese Kugeln fanden bis zirka 1867/1868 Verwendung, danach wurden exzentrische Granaten mit ellipsoidem Hohlraum aus neueren Kanonen verschossen. Während die Artillerie Scheibenschießen durchführte, exerzierte die Infanterie drillmäßige Waffenausbildung, "Griffe klopfen" und wurden die Soldaten in die neue Taktik des offenen Gefechts eingeschliffen. Der Wechsel von der Linientaktik zur offenen Gefechtstaktik war einer der Gründe für das Verschwinden der nicht explodierenden gußeisernen Vollkugeln.

Es waren zwei Lazarette eingerichtet. Ein festes Lazarett in Kellinghusen und ein Feldlazarett. Das Feldlazarett stand ursprünglich auf einer Höhe im Lager weil aber durch den am 01.August herrschenden orkanartigen Sturm mehrere Zelte zerrissen worden waren, verlegte man das Lazarett an einen geschützten Platz, der etwa 10 Minuten von Kellinghusen entfernt war. Das Feldlazarett bestand aus vier Zelten. Jedes Zelt war 5 m hoch, 12 m lang und 7 m breit. In jedem Zelt standen 12 Betten, außerdem waren im Zelt zwei kleine Vorräume von 2 m Länge, die durch je einen Vorhang voneinander getrennt waren. Ein Raum war für den "Krankenwärter", der andere für den "Abtritt". An Sanitätspersonal waren mit der Truppe ausgerückt, 25 Ärzte und 62 Sanitäter, in der damaligen Ausdrucksweise "Lazarettgehülfen". Die Versorgung in Kellinghusen wurde durch einen Oberstabsarzt und zwei Assistenzärzte, sowie drei Sanitäter, militärische und zivile Krankenpfleger sichergestellt. Dienst taten im Feldlazarett ein Oberstabsarzt, ein Assistenzarzt und zwei Sanitäter. Während der Lagerzeit wurden 553 Kranke behandelt: "Innere Kranke 210, äußere Kranke 108, syphilitische Kranke 58, krätzige Kranke 139 und 38 Augenkranke". Von diesen Kranken wurden 70 im Feldlazarett und 97 im Lazarett in Kellinghusen behandelt. Zwei Todesfälle waren zu melden. Ein Mann starb infolge eines Sturzes, der andere an einer Lungenentzündung.

♦ Anmerkung:
In dem Jahresbericht Annuae litterae von Glückstadt aus dem Jahre 1759 aus der Ordensprovinz der Jesuiten Rhenania inferior, wird von den Glückstädter Jesuiten Patres an die Gesellschaft Jesu berichtet: "Für die verschiedenen in Holstein stationierten Regimenter wurden in Kellinghusen, einer kleinen Stadt an der Stör, einige Militärlazarette errichtet, weil dort die Luft und das Wasser gesünder waren." In dem Bericht heißt es weiter, daß in Kellinghusen damals zwei Feldhospitäler mit je 500 Betten eingerichtet wurden. Wenn man die Patres zu kranken Soldaten katholischen Glaubens rief, machten sie sich von Glückstadt aus auf den Weg nach Kellinghusen. (Die Militärseelsorge im 17. und 18.Jahrhundert wird aus der Sicht der Jesuiten beschrieben in dem Buch: "Unter nordischen Fahnen".)

Da man bei der Divisionsführung damit gerechnet hatte, daß es regen Besucherzulauf zum Lager geben würde, wurde eine Besucherregelung befohlen. Besucher, die mit Fuhrwerken zum Lager fuhren, mußten den durch schwarz-weiße Fahnen gekennzeichneten Weg benutzen. Der Weg war vom vorderen Rand des Lagerraumes abgesetzt angelegt worden. Es gab drei festgelegte Wagenhalteplätze an denen das Halten in Verbindung mit Ein- und Aussteigen gestattet war. Die Besichtigung des Zeltlagers war möglich, jedoch war es nicht erlaubt die Zeltreihen zu betreten, während die Soldaten zu Übungen ausgerückt waren. Beeindruckt waren die Besucher von der Größe des Lagers. Sie ließen sich häufig zum Vergleich mit einer Stadt mit zirka 10.000 Einwohnern hinreißen. Im Lager war, wie in einer Stadt, für die Bedürfnisse der Bewohner in ausgezeichneter und zweckmäßiger Weise gesorgt und es gab ausreichend Einrichtungen, die zur Erholung und zum Zeitvertreib dienten.

Am Sonntag, den 27.August gegen 20:30 Uhr abends wurde im Zeltlager, auf der freien Fläche zwischen der 1. und 2.Brigade, ein großes Feuerwerk abgebrannt. Beauftragt war der Oberfeuerwerker Kriegel, der von den Besuchern 8 Groschen Eintritt verlangte. Nach Flugblattbekanntmachung konnte man in Kellinghusen beim Herrn J.Jargstorff's Erben und beim Herrn Göttsche im "Stadt Hamburg" Eintrittskarten erwerben. Eine weitere Verkaufsstelle war im Restaurationszelt an der Springhoer Mühle eingerichtet, hier sollte man sich an der Kasse an Herrn Gloy wenden.

Ende August wurde amtlicherseits bekanntgemacht, daß Fuhren für das Militär im Zusammenhang mit dem Lockstedter Lager vergeben werden sollten. Dazu sollten sich Interessenten am 29.August um 09:00 Uhr auf der Breitenburger Fähre einfinden. Verdungen wurden Fuhren, die mit dem Abmarsch der Truppen und dem Transport der Zelte nach Itzehoe im Zusammenhang standen.

Zum Verfahren zur Regulierung von Flurschäden stand am 26.August in der Zeitung nachfolgende Notiz.

Bekanntmachung.

Ansprüche auf Entschädigung für die Benutzung von Privatgrundstücken für das bei Lockstedt concentrirte Zeltlager der Königl. Preußischen Truppen, resp. sonstige durch die Truppenübungen herbeigeführte Beschädigungen sind behufs der erforderlichen Taxation, s. w. d. a., unverzüglich bei dem Civilcommissariate anzumelden, wobei namentlich außer dem Namen, Stand, und Wohnort des Beschädigten, sowie Erdbuchs-Nummer und der Flächeninhalt des beschädigten Grundstücks möglichst genau anzugeben sein werden.

Kellinghusen, den 23.August 1865
Der Regierungscommissair
E.v.Harbou



und am 26. August erschien folgende Bekanntmachung:

Am Montage, den 4.Septbr. d.J., sollen auf dem Terrain des Lockstedter Lagers, und zwar bei der Post- und Telegrafenbude daselbst, eine große Quantität Bretter, Stangen, Latten, Tröge und 7 Pumpenröhren, sowie zum Abbruch 64 Kochherde ohne Thüren, resp. Röste (davon 4 Herde von circa 8000, die übrigen von circa 2700 Steinen Inhalt) gegen bare Bezahlung öffentlich meistbietend verkauft werden. Vorstehendes wird hierdurch mit dem Hinzufügen bekannt gemacht, daß der Käufer das Erstandene gleich nach dem Zuschlage auf eigene Gefahr zu übernehmen haben werden.

Kellinghusen, den 26.August 1865
Der Regierungscommissair
E.v. Harbou


Anmerkung:
Diese Anzeige widerlegt eine weitere der in den einschlägigen Publikationen gemachten Behauptungen, daß: "Dies Lager war bereits insoweit fest gebaut, als die Feuerstellen, Herde etc. massiv aus Backstein errichtet waren. Ein Zeichen dafür, daß man längere Zeit dort zu verweilen gedachte." Und weiter: "Zwar diente dies Lager damals nicht stationären Belangen auf lange Sicht, es war also nicht als Garnison anzusprechen, sondern hatte den Zweck, den österreichischen Verbündeten Zeit zu gewähren, um Holstein zu räumen. Gleichzeitig diente es auch zur Aufnahme der deutschstämmigen schleswig-holsteinischen Soldaten, die noch in dänischem Sold standen und nun in die preußische Armee übergeführt wurden. Es war also ein Auffang-, Entlassungs- und Rekrutierungslager."


Siehe Danksagung des Generals und am Lager beteiligte Truppenteile.




Vom Generalleutnant Freiherrn v.Cannstein ging verschiedenen Zeitungen folgende Notiz zu:

Oeffentliche Danksagung an die Behörden und Einwohner der Herzogthums Holstein.

Beim Abrücken der Preußischen Truppen aus dem Herzogthum Holstein erfülle ich, Namens derselben, die angenehme Pflicht, den verehrlichen Behörden und Einwohnern des Herzogthums den verbindlichen Dank für das den Preußischen Truppen zu Theil gewordene freundliche Entgegenkommen auszusprechen und mit besonderer Erkenntlichkeit der Willfährigkeit der Landesbewohner während des Lagers auf der Lockstedter Haide und der sich daran anknüpfenden Manöver und Truppenmärsche zu gedenken.

Altona, den 1.Septbr. 1865.

Frhr.v.Cannstein,
Kgl. Pr. Generalleutnant und Command.
der combinirten Inf. Division.



Einheiten, die am Zeltlager des Lockstedter Lagers 1865 teilgenommen haben

Füsilier-Regiment General-Feldmarschall Graf Blumenthal
(Magdeburgisches) Nr. 36
FR 36/ IDNr. : 1036 - 13.12.1815/ Halle a.S.; - Bernburg VI.AI/ IV.AK/ 8.Div/ l5.IBrig (mit IR 93)

Infanterie-Regiment Herzog Karl von Mecklenburg-Strelitz
(6. Ostpreußisches) Nr. 43
IR 43/ IDNr. : 1043 - 05.05.1860/ Königsberg i.Pr.; Pillau 11 I.AI/ I.AK/ 1.Div/ 2.IBrig (mit GrR3)

Infanterie-Regiment von der Marwitz
(8. Pommersches) Nr. 61
IR 61/ IDNr.: 1061 - 05.05.1860/ Thorn I.AI / VIII.AK / 35.Div/ 70.IBrig (mit IR 21)

Grenadier-Regiment König Friedrich III.
(2. schlesisches) Nr. 11
GrR 11/ IDNr. : 1011 - 21.11.1808/ Breslau VIII.AI / VI.AK/ 11.Div/ 22.IBrig (mit IR 51)

Infanterie-Regiment von Lützow
(l. Rheinisches) Nr. 25
IR 25/ IDNr. ; 1025 - 18.02.1813/ Aachen V.AI/ VIII.AK/ 15.Div/ 29.IBrig (mit IR 161)

Infanterie-Regiment Freiherr Hiller von Gaertringen
(4. Posensches) Nr. 59
IR 59/ IDNr. : 1059 - 05.05.1860/ Deutsch-Eylau; Soldau I.AI/ XX.AK/ 41.Div/ 72.IBrig (mit IR 18)

Dragoner-Regiment Freiherr von Manteuffel
(Rheinisches) Nr. 5
DR 5/ IDNr.: 2105 - 07.05.1860/ Hofgeismar VI.AI/ XI.AK/ 22.Div/ 22.KBrig (mit HR 14)

Magdeburgisches Dragoner-Regiment Nr.6
DR 6 / IDNr.: 2106 - 07.05.1860 / Mainz VII.AI / XVIII. AK / 21.Div / 21.Kbrig (mit UR 6)


zur Inhaltsübersicht

zur Startseite